Anpassen an digitale Zahnärzte

Interview mit Lee Culp, CDT

Einführung
Die digitale Zahnheilkunde entwickelt sich schnell und CAD/CAM-Workflows sind nicht mehr ausschließlich auf zahntechnische Labore beschränkt. Viele Zahnärzte sind bereits erfahrene Nutzer digitaler Technologien. Nach Umfragen von 3Shape ziehen 39% aller Zahnärzte, die nicht digital arbeiten, die Anschaffung eines intraoralen Scanners innerhalb der nächsten 3 Jahre in Betracht. Dies ist nicht überraschend. Technologische Fortschritte und harter Wettbewerb waren schon immer die treibende Kraft dieser Branche – auch für Zahnpraxen. Wir sind davon überzeugt, dass die meisten Zahnärzte und Labore bald digital zusammenarbeiten, da sie ansonsten ins Hintertreffen geraten.

Fast täglich sind digitale Workflows das Gesprächsthema mit Zahnärzten und die meisten sind begeistert von den Möglichkeiten, die digitale Technologien bieten, wie beispielsweise verbesserte Qualität der Patientenbehandlung und Stärkung des Geschäfts. Schnelle und präzise Intraoralscanner, neue Materialien und kostengünstige Fertigungsmaschinen eröffnen einem Zahnarzt neue Möglichkeiten, Kronen inhouse zu fertigen und den Patienten dadurch Zahnersatz am gleichen Tag anzubieten. Es handelt sich dabei um eine zusätzliche Option neben komplexen Behandlungsfällen, die die fachliche Kompetenz des Labors erfordern.

Was halten aber Labore von der zunehmenden Digitalisierung der Arbeitsprozesse in Zahnarztpraxen? Ist das eine Bedrohung oder letzten Endes doch ein Segen? Und wie ist mit dieser scheinbar unvermeidlichen Industrieverlagerung am besten umzugehen?

Lee Culp CDT, CEO von Sculpture Studios, verfügt über eine langjährige Erfahrung in der digitalen Zahntechnik. Er ist fast direkt mit dem Aufkommen von CAD/CAM in diese Technologie eingestiegen. Der Fokus seiner Arbeit war stets auf die enge Zusammenarbeit zwischen Zahnarzt und Labor und effiziente Arbeitsabläufe zwischen Labor und Praxis gerichtet. Den Geschäftserfolg verdankt sein Labor größtenteils der Fähigkeit, sich an die Technologiefortschritte und an wechselnde Industrietrends anzupassen und dabei von beidem profitieren zu können.

Wir sprachen mit Herrn Culp über die Verbreitung der digitalen Zahnheilkunde in Zahnarztpraxen und was diese Tendenz für Labore bedeutet.

3Shape: Immer mehr Zahnärzte zeigen Interesse an digitalen Lösungen für Zahnarztpraxen wie zum Beispiel intraoralem Scannen sowie an der Kronenkonstruktion und Fertigung vor Ort. Wie passt das Labor in dieses Bild hinein?

Lee Culp: Da sich immer mehr Zahnärzte für digitale Technologien entscheiden, entwickelt sich restaurative Zahnheilkunde zu einer digitalen Welt mit Bilderfassung, computergestützter Konstruktion und automatisierter Erstellung von Zahnersatz. Ich glaube, das Selbstverständnis zahntechnischer Labore muss sich auch ändern. Um dieses Konzept in allen Einzelheiten zu verstehen und sich weiter zu entwickeln, müssen wir unsere Identität als Labore zuerst klar definieren. Wir könnten ein Labor als einen Ort bezeichnen, an den ein Zahnarzt Abformungen seiner Patienten sendet. Anhand dieser Abformungen erstellt dann das Labor Restaurationen und sendet diese an den Zahnarzt zur Anpassung und zum endgültigen Einsetzen zurück. Dies scheint wohl eine zutreffende Bezeichnung zu sein, wenn es sich um einen traditionellen Arbeitsablauf zwischen Zahnarzt und Labor handelt. Doch genauso wie das Internet die Kommunikationslandschaft durch dazugehörige Computertechnologien für immer geändert hat, wirkte die Möglichkeit, digitale CAD/CAM-Dateien für Zahnersatzerstellung zu verwenden, als Katalysator für Veränderungen in unserer Vorstellung und Gestaltung von Zahnarzt-Labor-Beziehungen.

3Shape: Wie beeinflussen digitale Methoden die traditionelle Zusammenarbeit zwischen Zahnarzt und Labor?

LEE Culp: Als Erstes müssen wir uns vorstellen, dass unser Labor kein Ort ist, durch keine Wände begrenzt ist. Es besteht ausschließlich durch Fähigkeiten der Partner – des Zahnarztes und des Zahntechnikers – im Prozess der Zahnersatzerstellung. Das Equipment, das wir zum Erstellen der Restauration einsetzen, könnte sich in der Praxis am Behandlungsstuhl, im hauseigenen Labor, an einem beliebigen Ort der Welt befinden oder auf alle erwähnten Orte verteilt sein. Wir als „Labor” sind eigentlich nichts anderes als einer der Schritte im Workflow, dessen Flexibilität durch unsere Fähigkeiten, Zugang und Equipment bedingt ist. Am wichtigsten ist es, zu entscheiden, in welcher Arbeitsstufe die Übergabe von einem Partner zum anderen erfolgen sollte. Ein Zahnarzt, der die Mundsituation eines Patienten digital erfassen kann und sich häufig für CAD/CAM-Restaurationen als die beste Behandlungsoption für seine Patienten entscheidet, – der kann jetzt auch selbst entscheiden, bei welchem Arbeitsschritt der Zahntechniker die Arbeit am Auftrag übernehmen sollte. Das Labor ist kein Ort mehr. Es ist eher eine virtuelle und sich ständig wandelnde Einheit.

3Shape: Wenn Zahnärzte mit dem am Behandlungsstuhl installierten Equipment die Möglichkeit haben, frei zu entscheiden, würden sie sich jemals für das Labor entscheiden?

LEE Culp: In manchen Fällen ist es meiner Ansicht nach für den Zahnarzt sinnvoll, selbstständig zu arbeiten und die Restauration in der Praxis in einer Sitzung vorzubereiten, zu modellieren und fertigzustellen. Da liegt der klare Vorteil von klinischen CAD/CAM-Systemen, die meistens bereits von einem Zahntechniker verwaltet werden. Dieser Vorteil gilt jedoch wohl für weniger komplexe Restaurationen oder Restaurationen, die keinen besonderen Aufwand erfordern, außer vielleicht Farb- und Glasurbrand oder Polieren. In sonstigen Fällen lohnt es sich, die Dienste des Partners im zahntechnischen Bereich – eines zahntechnischen Labors und eines Zahntechnikers – in Anspruch zu nehmen. Sie verfügen über Kompetenzen und, was noch wichtiger ist, über Zeitressourcen, Restaurationen zu fertigen, die entweder mehr Arbeitsaufwand erfordern oder mit höherer Effizienz indirekt erstellt werden können.

3Shape: Angesichts dieser Situation halten Sie die neuen Optionen, die Zahnärzten dank Technologien zur Verfügung stehen, wie etwa intraorales Scannen und hauseigene Fertigung, eher für eine ernsthafte Bedrohung für Labore?

LEE Culp: Ich glaube, alles, was Dentallaboren eventuell zahntechnische Arbeit wegnimmt, könnte als eine „Bedrohung” wahrgenommen werden. Ich bin jedoch überzeugt, dass einige Produkte die Arbeit von Laboren mehr beeinträchtigt haben, als Chairside-Zahnmedizin: beispielsweise direkte Composite-Materialien für zahntechnische Arbeiten in der Praxis, die von Laboren gefertigten Veneers und Inlay-Onlays ersetzen.

Das Chairside-Modell eignet sich ausschließlich für einzelne Kronen im Frontzahnbereich und für Inlays. Kommen weitere Einheiten hinzu, dann wird die Fertigung der Krone zu zeitaufwändig.

Ich war übrigens der Zahntechniker, der sich an einen der ersten Anbieter von Intraoralscannern gewandt hat, um das Chairside-System kennen zu lernen. Ich arbeitete mit ihnen zusammen an ihrem CAD/CAM-Laborsystem, das digitale Abformungen empfangen und damit im Labor arbeiten konnte. Ich habe das Potential der digitalen Zusammenarbeit schon vor fünfzehn Jahren erkannt. Mein Labor hat in der Zusammenarbeit mit einem Zahnarzt die erste modellfreie Krone anhand eines Scans erstellt, der vom Zahnarzt an das Labor gesendet wurde.

3Shape: Wie viel Umsatz könnten Sie und andere Labore nach Ihren Einschätzungen durch hauseigene Produktionssysteme verlieren?

Wenn wir die Anzahl von Chairside-Systemen auf dem Markt durch die Anzahl von verkauften Blöcken dividieren, können wir abschätzen, wie viele Restaurationen durchschnittlich von einem Zahnarzt gefertigt werden. Die Zahl ist eigentlich ziemlich niedrig.

Was würden Sie Laboren raten, die sich an die zunehmende Zahl von auf digitale Technologien umsteigenden Zahnärzten anpassen möchten?

Labore müssen erfolgreich digital kommunizieren und digitale Daten an und von den Zahnärzten übertragen können.

Die meisten Labore haben schon lange, bevor sie von ihren Kunden und Zahnärzten als Experten anerkannt wurden, mit digitalen Technologien gearbeitet. Labore sollen diesen Ruf bewahren und weiter ausbauen. Ihre Stellung als Berater zu digitalen Technologien festigen. Bei der Auswahl von Materialien und Konstruktionen beraten. Beratung bei schwierigen Aufträgen anbieten, die Zahnärzte elektronisch als digitale 3D-Abformungen senden. Zahnärzten Schulungen zu Endbearbeitung, Farb- und Glasurbrand anbieten. Sie als Partner bei der Zahnersatzfertigung an einem Tag unterstützen... Kurzum, Labore sollten mit Zahnärzten zusammenarbeiten anstatt mit ihnen zu konkurrieren.

Denken Sie daran, dass bei aufwändigen Behandlungsfällen der Zahnarzt das Labor immer benötigen wird. Das Labor sollte den Fokus auf solche Fälle legen und sich für eine leistungsstarke CAD/CAM-Laborsoftware entscheiden, die den Zahntechnikern die Konstruktion aller Indikationstypen erleichtert – inklusive auch neuer Indikationen, die noch nicht im Leistungsangebot des Labors enthalten sind.

Schlussendlich sollten Sie die modellfreie Fertigung von Kronen anhand von Scans Ihrer Zahnärzte in Ihr Angebot aufnehmen. Durch modellfreies Arbeiten können Sie eine Lieferzeit und einen Preis bei der Kronenfertigung erzielen, die sehr attraktiv für Zahnärzte sind.

Adapting to the digital dentist

Lee Culp, CDT ist der Geschäftsführer von Sculpture Studios, einem Dentallabor, Ausbildungs-, Forschungs- und Produktentwicklungszentrum für neue und innovative digitale Technologien für den Dentalbereich und ihre Anwendungen im Bereich Diagnostik, Dentalchirurgie und Prothetik.

Er ist der Preisträger der Kenneth Rudd Award von der American Society of Prosthodontics 2007, der Presidents Award der Amerikanischen Akademie für kosmetische Zahnmedizin (AACD) für ausgezeichnete Leistungen in der Dentalausbildung 2007, sowie der Award der National Association of Dental Laboratories für ausgezeichnete Leistungen in der Ausbildung 2003 und der American College of Prosthodontics-Dental Technician Leadership Award 2013. Lee Culp wurde außerdem zum Honorarprofessor der University of North Carolina – School of Dentistry, Graduate Prosthetics Department ernannt.

Er ist eine führende Kraft und Erfinder von vielen Materialien, Produkten und Techniken, die heutzutage in der Zahnheilkunde eingesetzt werden, und hält zahlreiche Patente für seine Ideen und Produkte. Lee Culp veröffentlicht jährlich viele Artikel. Durch seine Veröffentlichungen, klinischen Fotos und seinen Lehrstil erlangte er internationale Anerkennung als einer der interessantesten Referenten und innovativsten Handwerker im Bereich digitale Zahnmedizin, Dentalkeramik und funktionale Ästhetik.

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